Kult am Markt

Die Veranstaltung hieß "Karneval der Kulturen".

Wir hatten einen guten Platz erwischt und saßen auf dem sonnigen Marktplatz.

Bald würde es losgehen.

In einem Cafe gegenüber saß eine Frau in einem hochfloralen Kleid.

Das wirre Muster passte irgendwie zu der Haarpracht.

Der entsprechende Gatte hatte ein marinefarbenes Jacket lässig über die Schultern geworfen. Darunter ein weißes Hemd.

Noch weiße Handschuhe und ne Kapitänsmütze, dann wäre ich wohl zum Spalier gesprungen.

Die blumige Holde Ende vierzig brachte sich in Position.

Auf Teneriffa sieht man genau diese Stellung wie den Sand am Meer.

Tief in den Stuhl gerutscht, Füße parallel auf den Boden, Knie angewinkelt. Das Kinn ist der Sonne entgegengestreckt, die Augen hinter der Sonnenbrille geschlossen.

Wenn die Sonne sich dreht, drehen sich die Stühle an der Poolbar mit.

Und dann einfach sitzen und braten.

Unsere Sonnentochter hatte ihr Kleid bis zum Oberschenkel hochgerafft.

Freier Blick auf: letzte Woche rot lackierte Fußnägel in schwarzen Sandaletten und die Einstellung, dass man ab spätestens Mitte / Ende vierzig keine Zeit mehr für Rasuren verschleudert. Wofür auch?

Ich sah nochmal zum Captain. Wahrscheinlich hatte sie Recht.

Sie hatte die Beine zu weit auseinander gestellt.

Nochmal freier Blick.

Ein anderer vorbeilaufender "Love Tunnel" dokumentierte eine weitere Angewohnheit dieser Lebensphase.

Manche Frauen tragen ihre Hosen so hoch, dass ihre beste Freundin ganz hin- und hergerissen ist.

Auch irgendwie seltsam.

Das Männchen dieser Verpartnerung hatte ein T-Shirt mit einem Spruch darauf gewählt.

Der Träger seines Rucksacks versperrte den Blick auf die komplette Mitteilung, aber ich konnte das Wort "Perfect" lesen.

Mich hatte somit sicherlich das Wesentliche seiner Botschaft erreicht.

Am Nebentisch ließen sich zwei Damen nieder. Offenbar eine Mutter mit ihrer Tochter. Beide voll ausgewachsen.

Die Tochter trug die Haare offen, dazu ein breites Haarband mit einer raffinierten Raffung am Haaransatz.

Dazu ein langer Rock - wieder im Blumendesign - und ein Top.

Auch sie trug Riemchensandaletten. Genau genommen handelt es sich ja hier um eine sehr frühe Form von Römersandalen.

Wobei an sich wohl die Römersandale selbst die Frühste in der Reihe war.

Interessant, dass zweckmäßige Kleidung alter Kulturen heute als trendy durchgeht.

Die Römer würden sich wohl im Grabe drehen.

Gut, da landen wir auch direkt bei Fellwesten und Overkneestiefeln. Auf in die Arena! Das Leben ist ein Gladiatorenkampf!

Zurück zum Familientisch.

Die Tochter drehte sich eine Zigarette.

Einige Minuten später fragte ein Pärchen etwa gleichen Alters wie die Tochter, ob sie sich hinzusetzen dürften.

Er hatte ein klassisches Rauchergesicht. Und klassische Raucherfingerkuppen.

Als seine Frau entweder zur Toilette ging oder Kuchen an der Theke aussuchte, nutzte er sofort die Gunst der Stunde:
"Irgendwie kommen Sie mir bekannt vor.."

Die Tochter freudig über den Tisch gelehnt: "Ja? Hm....ich wüsste jetzt gar nicht......"

Ja, was sollte die Gute auch wissen, ne.

Er schüttete gleich nach: "Also, ich hab Sozialpädagogik hier studiert. Gewohnt hab ich früher in...."

Da hatten wir es wieder. Die Sätze werden gewählter mit den Semestern, aber von der Thematik her ist es immer dasselbe.

Ich musste schmunzeln.

Der "Karneval der Kulturen" fing gar nicht zu spät an, wie irgendwann bemerkt.

Wir saßen schon mittendrin.

9.6.10 21:46

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