Weiberurlaub

(...)

„Ich müsste langsam mal Pippi. Was macht die da so lange? Und warum hat Nikki eigentlich einen gelben Aufkleber der Bundespolizei an ihrem Koffer hängen?“, fragte Franzi, als sie Nikkis Koffer unter die Betten schob, um einen Durchgang zum Balkon zu schaffen.

Ich stand vor dem einzigen Spiegel des Raumes und tuschte meine Wimpern ausgiebig. Umso älter ich wurde, desto bedeutender wurde Wimperntusche. Ich bildete mir ein, dass die dunkle Betonung von den allmählich auftauchenden Augenfalten ablenken würde.

Ich hatte gerade meinen 25. Geburtstag gefeiert. Oder besser stillgeschwiegen. Vor einer Feier konnte ich mich zum Glück drücken. Mir fiel im Traum nicht ein, was es an dieser Zahl zu feiern gab.

Ich zählte es immernoch regelmäßig an meinen Fingern nach, wenn am Auto vor mir auf dem Nummernschild eine 90er - Zahl aufblitzte. Die konnten doch noch nicht wirklich schon den Führerschein haben?!
Ein ähnliches Gefühl verspürte ich auch auf der Autobahn, wenn dicke Autos mit einem 80er - Kennzeichen in Schallgeschwindigkeit an mir vorbeirasten. Eine Frau am Steuer bedeutete: sie hatte einen zehn Jahre älteren Immobilienmakler geheiratet.
Erfahrungsgemäß trugen diese Frauen eine blitzende silberne Armbanduhr, eine große Sonnenbrille, blonde Haare und besuchten regelmäßig das Sonnenstudio.

Typen in diesen Autos hatten eine kurze, fransige Gelfrisur, groooooße Armbanduhren, natürlich Sonnenbrille und steckten in einer schwarzen Lederjacke. Am Besten waren die Kennzeichen der SUV´s mit den beiden Buchstaben MY vor ihrem Geburtsjahr.

„Bundespolizei?“, fragte ich nach. „Die scheinen den am Flughafen echt geöffnet zu haben.“, lachte Franzi während sie schwarze Strapse mit Spitze vom Boden angelte, „Sind das deine?“

Ich warf ihr im Spiegel einen abschätzenden Blick zu, „DAS da sind Nikki´s Prophylaxestrümpfe. Die Dinger gibt’s scheinbar auch in sexy.“

„Da bin ich also die einzig unvorbereitete für den Flug gewesen.“, entgegnete Franzi ungläubig.

„Was als deine erste unvorbereitete Situation überhaupt in deinem Leben in die Geschichte eingehen wird.“, bemerkte ich. Franzi war eine der Frauen, die auf die Frage „Wo ist denn deine Handcreme?“ antwortete: "In der braunen Tasche vorne links neben dem Lippenbalsam."
Ich gehörte zu denen, die antworteten: "Vielleicht im Auto?!"

„Oh, oh!“, hörten wir aus dem Badezimmer krächzen.

Zeitgleich wurde hysterisch an dem Türknauf gerüttelt, „Die Tür klemmt! Hallo! Die Tür geht nicht mehr auf!“

Wir stürzten zur Badtür und starrten erwartungsvoll auf den messingfarbenen Türgriff, der sich wie wild nach links und rechts drehte.

„Hilfe!“, kreischte Nikki, „Hier gibt’s nichtmal n Fenster!!“

„Bleib doch mal ruhig!“, wies ich sie an. Franzi versuchte ihr Lachen mit der Hand vor dem Mund zu unterdrücken. Wir starrten immernoch auf die Tür, die sich nun auch in ihren Angeln leicht vor- und zurückbewegte.

„Wenn du weiter an der Tür reißt, hast du gleich den Griff in der Hand!“, versuchte ich sie zu beruhigen.

Auch mir fiel es schwer, mein Lachen zu verbergen, „Und du kneif mal die Beine zusammen. Mit Pippi war´s das für heute!“, flüsterte ich grinsend in Franzi´s Richtung.

„Jule!“, hörte ich Nikki mit erstickter Stimme wimmern, „Du ahnst nicht, was für eine Luft hier drin herrscht! Ich glaub ich werd ohnmächtig!“

Die Sauerstoffverhältnisse in dem kleinen Raum konnte ich mir sehr gut vorstellen, weil ich bereits vor ihr geduscht hatte und der Spiegel schon dickschichtig beschlagen war, als ich das Bad verlassen hatte.

„Ich werde ersticken!“, Nikki schien ihre letzten Reserven zu mobilisieren und hantierte erneut an dem Türknopf herum, "So will ich nicht sterben!!"

„Quatsch! Hier stirbt jetzt gar keiner! Da ist doch n ganz kleiner Knopf in der Mitte von dem Türknauf. Drück da mal drauf, das entriegelt sich dann!“, beschrieb ich mit wilden Handbewegungen.

„Da entriegelt sich nichts!“, fauchte sie mir von der anderen Seite entgegen.

„Ich hol mal so einen Pablo hier ran!“, Franzi riss die Zimmertür auf und irrte Richtung Fahrstuhl.

Ich kam mir vor wie eine drittklassige Schauspielerin in einem Film mit einem sinkenden Schiff vor der Tür der Arrestzelle, als ich meine Stirn an die Tür drückte und mitleidig sagte, „Hör mal Süße, setz dich kurz hin, wir holen Hilfe.“

Nach wenigen Minuten klopfte es an der Tür. „Jaaahhh!“, jubelte Nikki. Ich hörte, wie sie sich vom Fußboden an der Tür emporangelte. Als ich die Tür öffnete, stand Franzi mit dem Nackten und dem Grünen von der Poolterasse da, „Die sagen, die können das.“

Ich machte überrumpelt Platz und ließ sich die beiden vor der Tür postieren.
Das Können der beiden begrenzte sich allerdings auf die gewaltsame Öffnung der Tür.
Ein gleichzeitiger Sprung mit der Schulter voran und das Türschloss gab bereitwillig nach. Nikki war notdürftig in ein winziges weißes Hotelhandtuch geschlungen und traute ihren Augen nicht, als die zwei Retter plötzlich im Bad standen.
"Hehe, das war ja leicht.", grunzte der Grüne und stieß den Nackten an.
Der starrte bloß Nikki an.

Als es Franzi gelungen war, die Beiden dankend wieder aus dem Zimmer zu schieben, ging ich schon mal in Deckung. Franzi ließ hinter den Besuchern die Tür ins Schloss fallen und lehnte sich erschöpft gegen die Holztür.

Nikki schoss in ihrem Minidress auf mich zu und schimpfte los, „Das war ja jetzt nicht wahr! Guckst du mal, wie ich aussehe?! Da lässt die zwei Fremde das machen!! Ich kam aus der Dusche!“, sie atmetete bewusst tief durch und begann ihre Zigaretten zu suchen.

„Die standen da plötzlich! Besser als ersticken!“, verteidigte ich mich theatralisch, "Und fürs Protokoll: rangeschafft hat sie Franzi übrigens!"

Ich folgte Nikki auf den Balkon.

„Ich geh mit offener Tür duschen!“, hörten wir Franzi amüsiert rufen.

„Ja, und ich schnapp mir den kleinen Koffer-Juan und schick ihn dir mit rein!", rief ihr Nikki hinterher, „Und du stehst da perfekt gestylt vor denen! Ich fass es nicht.“, wandte sie sich wieder an mich.

"Baby, ich bitte dich, perfekt gestylt waren doch wenn überhaupt nur die Beiden!", grinste ich sie ironisch an.

Wir mussten lachen.

(...)

18.2.10 20:53

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