Weiberurlaub

(...)

An der Poolbar stürmten die Jugendlichen das Mittagsbuffet, das alle gängigen Fast-Food-Varianten zu bieten hatte.

Die ältere Generation stand in der Schlange vorm Restauranteingang. Also, so unser Alter und noch älter. Noch war gar nicht geöffnet, aber die Leute stellten sich dennoch in Scharen an. Bei den meisten Gästen lag das Frühstück vermutlich nicht länger als drei Stunden zurück.

Franzi saß mit mir an einem Tisch in der Nähe des Treppenaufganges zum Terrassenbereich. Von dort aus konnte man über die große Poollandschaft des Hotels blicken.

Sie saß mit überkreuzten Beinen da, ich hatte meine Füße angewinkelt und an ihrem Stuhl abgestützt. Ich ließ meinen Kopf über die Stuhllehne nach hinten fallen und schloss die Augen.

Das Sonnenlicht war das Lebenselixier, das ich brauchte. Endlich nur Nichtstun. Den ganzen Tag. Ich konnte es noch gar nicht glauben, dass wir es wirklich geschafft hatten gleichzeitig Urlaub zu bekommen.

Franzi hatte eine blaue 3/4lange Strandhose und ein weißes kurzärmeliges T-Shirt an. Sie hatte kurze dunkle Haare und ein niedliches Gesicht. Wir kannten uns schon ewig. Seit unserer gemeinsamen Ausbildung, um genau zu sein.

Nikki lud gerade zwei Gläser Cola und einen Milchkaffee auf unserem Tisch ab. Ein Glas Cola schob sie zu Franzi rüber. Ich ging leer aus und sah sie fragend an.

„Ja, seh ich aus wie ne Kellnerin?!“, neckte sie mich, „Ich kann das nicht alles auf einmal schleppen.“

Nikki hatte ein knallbuntes Stück Flatterstoff über ihrem Bikinioberteil, dazu trug sie weiße Hotpants.
Ich hatte mich schon gewundert, dass nicht längst ein Kellner angelaufen kam.

„Ich lauf los. Will noch wer etwas?!“, ich sah über meine Sonnenbrille in Franzi´s Richtung. „Ein Wasser.“
Ich stapfte entschlossen zu den Getränkespendern. Als ich mich fast durch die gut besuchte Tischlandschaft auf den terrakotterfarbenen Fliesen der Terrasse durchgekämpft hatte, stand ich vor mehreren zusammengeschobenen Plastikstühlen und kam nicht weiter.

Auf jedem dieser Stühle saß ein Kind mit einem Teller in der Hand und ein blonder Typ mit Cap redete wild in verschiedenen Sprachen auf sie ein.

Vor der Kinderreihe standen einige Tische. Darauf gab es Getränke und noch mehr Teller. Burger und Hot Dogs standen auf der Tageskarte. Salat sah ich überhaupt nicht.

Als ich die Kinder von hinten betrachtete, musste ich lächeln, weil ich daran dachte, welche Statistik eine Freundin von mir ihnen immer aufzeigte, wenn sie dickbäuchige Fünfjährige in zu engen Shirts Eis oder Fettes essen sah: „Du, jedes fünfte Kind hat Übergewicht! Weißte Bescheid!“
Ein oder zwei Mal standen auch die Eltern in Hörweite. Die reagierten eher unentspannt und wir mussten zusehen, dass wir wegkamen.

Ich bahnte mir einen Weg links an den Stühlen vorbei. Kinder zählten eher nicht zu meinen Interessen. Egal welches Alter. Wenn sie auf mich zukamen und mir ihr Spielzeug oder selbstgemalte Bilder zeigen wollten, wusste ich immer nichts anderes zu sagen, als: Aha, guck mal, zeig das mal der Tante da drüben!


Der Blonde schien meine Gedanken lesen zu können. „Hey, hier ist noch Platz, möchtest du auch mit uns essen?“, er zwinkerte mir zu. Er schien kein Deutscher zu sein. Scheinbar ein Animateur des Hotels. „Oh, schade, das muss ich wohl ablehnen!“, ich zuckte mit den Achseln und bemühte mich übertrieben enttäuscht zu gucken. Er lachte.

Ich bahnte mir weiter meinen Weg an die Bar. Ein Kellner nahm sofort meine Bestellung auf. Ich schien erfolgreich nicht so zu gucken, als wollte ich die Plastikbecher selbst befüllen. All inclusive hin oder her. Er stellte mir nach und nach zwei Wasser, einen Erdbeerslush und einen Milchkaffee vor die Nase.
Dann begriff er, dass mein umherschweifender Blick einem möglichen Transportmittel galt. Er holte grinsend ein Tablett unter der Theke hervor und stellte die Sachen darauf.
Ich bedankte mich mit einem überschwänglichen Lächeln.


„All you can Schleppen, Mädels!“, ich ließ das Tablett auf unseren Tisch gleiten und freute mich über das genervte Gesicht von Nikki.

„Ey, ich stand da in der Schlange….mit einzelnen Bechern!“ „Hase, wir sind hier in Spanien, anstehen kannste zu Hause!“, ich nahm mir den Kaffee und ein Wasser, der Rest ging an Franzi, die sich über den Überraschungsslush sichtlich freute.
„Also, nochmal, was kostet das?!“, Franzi zog an ihrem Strohhalm. „Das muss ich noch in Erfahrung bringen. Aber das wär mir ja fast egal.“, Nikki zog mit gestreckten Fingern an ihrer Zigarette.

Sie hatte feuerrot lackierte Nägel, die dank Nagelmodellage auch noch ziemlich lang waren. Ebenso waren ihre Fußnägel knallrot und auffallend passend gestaltet. „Was kostet was?“, ich ließ mich wieder tief in meinen Stuhl sinken und genoss die Sonne auf meinem Gesicht.

„Permanente Haarentfernung der Intimzone.“, Nikki aschte in einen leeren Plastikbecher. Eine Dame mittleren Alters vom Nachbartisch sah peinlich berührt zu uns herüber.

Franzi sah zu Nikki. „Ja, sorry, das wird uns hier wohl noch öfter passieren, wenn die uns hier so auf der Pelle sitzen!“, Nikki zog die Augenbrauen hoch und zeigte flüchtig auf die Frau, „Es ist ja nun wirklich nichts aufwendiger als..“, sie blickte erneut prüfend zum Nachbartisch, „..DAS da!“
„Die Pflege der Mumu.“, schlug ich als Umschreibung vor. „Mumu?!“, Franzi legte die Stirn in Falten. „Ja, nimm´s hin. Ich kann dich verstehen. Es gibt wirklich nichts Aufwendigeres! Und gefährlich dazu. Nur einmal falsch angesetzt!“, ich schauderte bei dem Gedanken.

Auf Grund ihres Gesichtsausdruckes schienen die Beiden das nachvollziehen zu können. „Also, Beine sind ja schnell gemacht. 5 Minuten. Achseln. Zack, zack. Durch. Aber es gibt ja nun auch Abende, da muss alles stimmen, bis zum Schlüppa.“, Nikki drückte ihre Zigarette energisch aus.

„An solche Abende kann ich mich kaum noch erinnern…“, seufzte ich. „Na, komm, vier Wochen, ne?!“, Nikki schlug mir leicht gegen den Oberarm. Ich zuckte zusammen, „Ups, tatsächlich, das hatte ich schon ganz vergessen!“, ich verzog die Mundwinkel. „Na, egal. Die Frage ist nun: Machen oder lassen?“, Nikki schaute in die Runde.

„Lassen.“, antwortete Franzi energisch. „Wieso?“ „Weil du keine Ahnung hast, wie es in fünf Jahren getragen wird! Rasur, Brazilian Waxing, Landing Strip oder Komplett, wenns erstmal weg ist, ist es für immer weg. Und soll das nicht auch ziemlich schmerzhaft sein?! Mal vom Kostenfaktor ganz abgesehen.“, Franzi stocherte mit ihrem Strohhalm in dem restlichen Erdbeermatsch in ihrer Hand herum.

„Also, ich würd´s machen.“, ich sah mich ein wenig um und entdeckte Nikkis grünes Shirt an der Bar. In Begleitung eines gelben Shirts und eines Typen, der glaubte, er könne sich oben ohne erlauben.

„ Hm, Franzi scheint auch so gar keine Probleme mit Hautempfindlichkeit zu haben, was?! Also, wenn ich das richtig gründlich angehe, dann ist das für den ersten Abend top und morgen vielleicht auch noch, aber danach kannst du das ja niemandem mehr anbieten!“, Nikki griff sich drei der Zuckertütchen vom Tisch, klemmte sie alle zwischen den linken Daumen und Zeigefinger und riss sie gleichzeitig auf.

Dann ließ sie den nicht enden wollenden Schwall des weißen Puders in ihre winzig kleine Kaffeetasse rieseln. Wir sahen ihr angewidert dabei zu, wie sie mit dem Löffel rührend versuchte, den Zucker vollständig aufzulösen.

„Achte Klasse Chemie, Emulsion. Gesättigte Lösung!“, entfuhr es mir. „Kann ich das mal probieren?“, Franzi nahm die Tasse ungläubig in ihre Hand und nahm vorsichtig einen kleinen Schluck, „Unfassbar.“ „Ja, ja, und der Löffel bleibt stehen! Ich kenn sie alle.“, bemühte sich Nikki uns den Wind aus den Segeln zu nehmen.

(...)

13.2.10 19:43

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