Weiberurlaub

(...)
„Scheinbar macht man während der Ausbildung zur Stewardess auch immer ne duale Ausbildung zur Kosmetikerin.“, Franzi und Nikki versuchten sich gegenseitig etwas aufzubauen.

„Servieren und schminken, das können die.“, schnaufte Nikki. „Mädels, seid nett, sonst geben die euch keine Schwimmweste wenn die Sirene ertönt.“, Franzi nahm wieder meine Hand in ihren Klammergriff und das Flugzeug setzte sich in Bewegung.



„Du hast irgendwie immer noch ganz glasige Augen.“, ich nahm einen Schluck meines ersten spanischen Kaffees und sah Nikki dabei an. Ihre Medikamente schienen noch zu wirken.

„Zeitweise hab ich wirklich darauf gewartet, dass du dich in die Sicherheitsposition schmeißt.“, ich musste bei dem Gedanken daran kichern, verschluckte mich am Kaffee und musste einige Male husten.

Sie hatte sich während des Fluges nur geregt, als das Essen ausgeteilt wurde. Wobei sie darauf verzichtete, den Klapptisch am Sitz vor ihr zu nutzen. Das Tablett hätte sie im Ernstfall schnell wegwerfen können, meinte sie. Aber hätte der Tisch gehakt, wär´ sie nicht an die Sauerstoffmaske gekommen.

„Wie du essen konntest, ist mir noch ein Rätsel.“, bemerkte Franzi und befreite dabei eine Kiwi von ihrer Schale.
„Glaub mir, um das Essen zu verpassen, hätten wir schon wirklich abstürzen müssen.“, Nikki stocherte in ihrem Rührei herum. Die Hälfte des Tisches hatte sie mit ihren Tellern in Beschlag genommen.

Nikki litt an einer Schilddrüsenfehlfunktion. Anders wäre dieses Essverhalten auch menschlich gar nicht zu erklären.
Während Franzi ihre Obststücke sorgfältig würfelte, um sie dann in eine kleine Schale mit Joghurt zu mischen, schaufelte Nikki abwechselnd kleine Heißwürstchen, gebratenen Speck und Crepes mit Schokosauce in sich hinein. Ich begnügte mich vorerst mit Toast und Kaffee.

Wir saßen auf der Veranda vor dem gut gefüllten Frühstücksraum des Hotels. Unser Gepäck hatten wir an der Rezeption bereits abgestellt, aber unser Zimmer war noch nicht bezugsfertig.

Ich kannte das Hotel bereits in- und auswendig. Als Kind war ich oft mit meinen Eltern hier und später mit einer Freundin aus Hamburg, die ich auch hier kennengelernt hatte. Auf der Schaukel hinter dem Miniclub hatte ich meinen ersten Kuss bekommen.
Den Namen des Pioniers wusste ich nicht mehr. Aber der Junge hatte sich sofort danach vor meinen Augen und Ohren übergeben, weil er voll war wie ne Kinderwindel. Das wusste ich noch. Das würde ich wohl auch in fünfzig Jahren noch wissen.

„Den da in dem Grünen find ich gut. Den hab ich eben am Buffet schon getroffen.“, informierte uns Nikki und kaute auf einem Stück Buttercroissant herum.

„Bei sechs Gängen zum Buffet wirst du hier wohl schon allen begegnet sein.“, ich blickte von meinem Teller zu ihr auf.
„Wie alt soll der sein?“, fragte Franzi abschätzend und nahm einen Schluck ihres Saftes.
„Der sollte möglichst Ü22 sein.“, äußerte Nikki ihre Wünsche.
„Nie und nimmer.“, machte ich ihre Hoffnungen zunichte.

„Nur weil dir dein Schätztalent letzte Woche hochoffiziell aberkannt werden musste, heißt das ja nicht, dass jetzt alle nichts mehr sehen.“, Franzi schnitt eine Grimasse in meine Richtung.

Ich warf meine Serviette nach ihr. „Was hat sie wieder veranstaltet?!“, Nikki nahm eine Zigarette aus ihrer Big Box.
„Sie hat ihren Fitnesstrainer angemacht…“, Franzi zeigte mit ihrer Gabel auf mich.
Ich band meine langen Haare zu einem Pferdeschwanz zusammen, „Ange….ich hab den nicht angemacht! Ich wollte mich unterhalten. Ich hatte eine Einweisung, der wurde quasi dafür bezahlt, dass er mit mir spricht!“

Franzi fuchtelte mit den Armen, „Hör zu! Sie saß ihm gegenüber und er gab ihr Trainingsprofil in den PC. Und nach ein paar stillen Minuten kam sie wohl auf die glorreiche Idee eine Konversation zu beginnen.“
„Dass du auch nicht einmal die Klappe halten kannst!“, Nikki pustete den Rauch ihrer Zigarette aus.
„Und dann sagt sie Folgendes: "Und was machst du beruflich sonst so?!" Und er so: "Ich mache ne Ausbildung zum Physiotherapeuten."", erzählte Franzi weiter.

„Oh, bitte nicht daran erinnern!!“, ich vergrub mein gequältes Gesicht in meine Hände, „Der sah wirklich viel älter aus…auch von ganz Nahem!“, grummelte ich zwischen meinen Händen hervor.

„Für einen kurzen Moment war Jule etwas irritiert. Sie hatte ihn nämlich auf 30 Jahre geschätzt. Wir hätten gemerkt,“ Franzi deutete mit einer Handbewegung auf Nikki und sich selbst, „dass wir gerade Wassermelonen tragen, aber nein, Julchen zieht das wieder voll durch: „Aha…und was hast du vorher gemacht?“ Er guckt sie kurz an, als wär´ sie n bisschen minderbemittelt und antwortet dann: Abi und Zivi.“

„Das Gespräch hat leider am Anfang der Trainingsstunde stattgefunden.“, fügte ich hinzu, während ich an dem Bündchen meiner Reisesocken fummelte, „danach sollte ich zum Aufwärmen aufs Laufband...Ich hab keinen Ton mehr gesagt, das kannste glauben. Mach ich mich da zum Vollhorst vor so nem I-Männchen!“

„Einem 22 jährigen Model-I-Männchen!“, ergänzte Franzi. „Jule!“, stieß Nikki vorwurfsvoll aus. „Jaaaa“, ich hob abwehrend beide Hände, „ ich wollte mich echt einfach unterhalten! Und dann kommt da wieder sowas Peinliches bei raus. Der hat mich komplett auflaufen lassen. Was sehen diese jungen Hüpfer auch zehn Jahre älter aus, bitte??!! Zu meiner Zeit sah man noch 20 aus, wenn man 20 war!“

„Wahrscheinlich so einer mit 348 Freunden bei Facebook! Davon lässt man eh die Finger!“, Nikki nahm einige kürzere Züge an ihrer Zigarette, um möglichst weit zum Filter vorzudringen und drückte sie dann im Aschenbecher aus.

„Das weiß ich alles! Los, lasst uns mal nach unserem Zimmer fragen, Mädels.“, ich rückte den Stuhl nach hinten und ging in die Hocke, um den Sitz meines linken Strumpfes zu korrigieren, der sich hartnäckig dagegen sträubte.

„Was machst du da eigentlich immer zum Teufel?!“, fragte Franzi und beugte sich zu mir herunter.
„Ich hab Anti-Thrombose-Reisestrümpfe an und die nerven mittlerweile echt ziemlich!“, erklärte ich ihr im Flüsterton. Sie sah mich sprachlos an. „Die im Sanitätshaus meinte auch, ich würde zu Venenproblemen neigen.“, verteidigte ich mich, „Außerdem liegt das bei uns in der Familie!“ Franzi schüttelte den Kopf.

„Ich hab euch vorgewarnt!“, sagte ich auf der Treppe im vierten Gästehaus, „die Zimmer sind nicht wahnsinnig groß. Zu dritt wird’s echt eng.“

Bei meinen bisherigen Besuchen, hatte ich die Zimmer nur zu zweit belegt. Das war mit dem Schrankinhalt zweier Frauen schon schwierig.

„Ja, wir schaffen das schon. Spart Geld!“, antwortet Franzi rational. „Zugunsten von Wodka!“, schnaufte Nikki hinter uns. Sie hatte das Fitnessstudio seit unserer Anmeldung vor einem halben Jahr lediglich vier Mal von innen gesehen, soweit ich mich erinnerte.

Als wir an unserem Zimmer im dritten Stock angekommen waren, schloss ich die Tür auf und ließ die Beiden vorgehen. Sie drehten sich noch ungläubig im Kreis, als ein Angestellter des Hotels einen Kofferwagen mit unserem Hab und Gut aus dem Fahrstuhl schob.

„Hola!“, flötete er mir entgegen. Er lud die Koffer vor der Tür ab und schob sie dann in unser Zimmer. Nikki, Franzi, das Gepäck, unsere Handtaschen und Juan – laut Namensschild -, ich stand im Türrahmen und betrachtete das übervolle kleine Zimmer.

Juan quetschte sich an mir vorbei und lachte uns auf dem Flur stehend an, „Buena suerte, guapas!“ „Un momento, por favor!“, ich drückte ihm Trinkgeld in die Hand und verabschiedete mich.

„Was will er?“, Nikki stieg über unsere Koffer, weil kein Platz war sie zu umgehen. „Er wünscht uns Glück.“, gab ich seine Aussage wieder.
Rapide lückenhaft werdende Restteile meines Spanischs aus der Schulzeit ließen mich die Grundsätze gerade so verstehen.

Franzi rüttelte am Türgriff des Balkons, „Unser Zimmer ist eigentlich nur Bett!“
„Ich muss das Bad mal sehen.“, Nikki drängte sich an mir vorbei, „Hm…das ist genauso groß, wie unser Bett. Also, unser Zimmer. Der Architekt war n Mädchen.“

Neben das Doppelbett, das sonst in diesen Zimmern stand, hatte man nun noch in strategischer Meisterleistung ein Gästebett postiert. Damit gab es allerdings keinen Abstand mehr zum Kleiderschrank. Durch die Schiebetüren kamen wir zwar an die Kleiderstange, aber die eingebauten Schubladen blieben uns verwehrt.

„Ähh..kann hier mal einer?!“, Franzi zerrte immer noch an der Balkontür. „Du musst das hier in der Mitte nur entriegeln.“, ich zeigte ihr die Vorkriegstechnik.
„Wo rauche ich bloß hier?!“, fragte Nikki, während sie schon auf der Suche nach einem Feuerzug war. Franzi legte ihren Kopf schief, „Beim Nachbarn am Besten!“
(...)

10.2.10 18:20

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