Weiberurlaub

„Gott, der ist ja geil…“. „Wer?“ Ich sah über meine linke Schulter und erfasste nur Nikki. Sie stöckelte wie immer auf zweistelligen Zentimeterabsätzen auf uns zu. Hinter ihr, mit einigen Metern Abstand, versuchte ein dunkelhaariger Typ mitsamt ihrem Gepäck Schritt zu halten. Er ging ihr bis zum Kinn. Wie fast alle.
Sie war einfach zu groß. Aber sie trug es mit provozierender Gelassenheit….und mit High Heels, fast ausschließlich mit High Heels.


„Heeeyy!“ Sie grinste uns breit an. Wir waren alle bester Laune. Kein Wunder. Wir fielen uns im Terminal C in die Arme. Dort standen Franzi und ich schon eine Weile startklar für die Schlange vor unserem Abflugschalter.

„Das ist Marek.“, Nikki wies mit der Hand auf ihren Trägerjungen. Der Typ stellte ihren Koffer ab und reichte uns die Hand.
„Hallo.“, schmachtete Franzi ihm entgegen. Ich hatte bereits eine etwas gerötete Gesichtsfarbe und musste den Reißverschluss meiner Jacke etwas öffnen. Der Sekt hatte mir, wie gewöhnlich, schon nach dem ersten halben Glas zugesetzt. Franzi hatte Plastikgläser und eine Flasche des Prickelwassers in einer Tüte dabei, um gebührend auf diese Nacht anzustoßen.
„Hier“, sie reichte Nikki gleich die ganze Flasche, „da muss noch viel raus. Die da kriegt nichts mehr, sonst sortieren sie die gleich beim Einsteigen wieder aus.“
„Ahh ha ha ha!“, wieherte ich sarkastisch, „Wenn ihr gleich eure Pillen genommen habt, bin ich hier noch die Klarste und kann als Einzige den Vogel runterbringen!“
„Na, dann wünsch ich euch Mädels mal viel Spaß!“, lachte der dunkelhaarige Unbekannte. Nikki verabschiedete sich mit einer Umarmung von ihrem Begleiter bevor er Richtung Ausgang verschwand. „Ohhh…“, jammerte Franzi und schaute Marek mit einem Schmollmund hinterher. „Ja, kommt ja noch Einiges, Schätzchen. Hast teuer dafür bezahlt!“, Nikki legte ihren Arm um Franzi´s Schulter und beide setzten sich hinter mir in Bewegung zur Gepäckaufgabe.


Die beiden leerten allmählich die Sektflasche und wir rückten in der Warteschlange Zentimeter für Zentimeter weiter vor.
„Wer war das denn?!“, wollte Franzi ihre Neugier stillen. „Mein Ex.“, Nikki nahm zwei kleine weiße Tabletten aus einer Verpackung und spülte sie mit einem Schluck Sekt herunter.

„Würdet ihr jetzt bitte mal die Flasche loswerden, oder stellst du sie gleich vorne am Tresen vorm Bodenpersonal ab?!“, ich verdrehte die Augen und musste bei dem Gedanken schmunzeln.
Letzte Woche hatte Nikki beim Verlassen eines Clubs ihren gesamten Tascheninhalt vor dem Mitarbeiter der Garderobe ausgebreitet. Sie war mit ihrem Absatz an der Teppichkante hängengeblieben und stürzte halb über die Theke. Unnötig zu erwähnen, dass wir zudem noch ziemlich voll waren. Als der zweifelnd guckenden Garderobenfachkaft Make Up, Handy, Schlüssel, Bürste, Parfum und ein Paar schwarze Ballerinas entgegenflogen, verfielen wir in schallendes Gelächter und rafften schnell alles zusammen, was wir zu fassen bekamen. Wir wollten schon wieder verschwinden, als er mit einem ihrer Schuhe in der Hand sagte: „Der gehört da noch rein, dafür müsstest du das Telefon wieder hergeben. Das gehört uns.“
Sie schaute hilfesuchend zu mir, ich konnte mich vor Lachen jedoch kaum noch halten. Dann hiefte sie ihre Tasche wieder auf die Theke und begann hektisch zu kramen. „Hallo! Taxi da!“, rief Franzi uns von der Eingangstür entgegen. Sie hatte bereits gezahlt und einen Wagen bestellt.


„Mann, macht die wieder ne Hektik hier!“, stöhnte Nikki und stellte die Flasche neben einen Mülleimer einige Meter entfernt. Als sie sich wieder bei uns einreihte, stellte Franzi ungläubig fest: „Ts, uns bringen nicht mal aktuelle Freunde zum Flughafen. Jule ist von ihrem Vater gebracht worden.“ „Der eigene Bruder bringt dir auch nicht gerade mehr Punkte!“, zischte ich. Sie zwinkerte mir zu.
„Wenn euch aktuelle Freunde zum Flughafen gebracht hätten, würde ich jetzt auch nicht mit euch zwei Wochen nach Spanien fliegen. Soviel steht fest.“, Nikki stupste mich an und wies mit ihrem Kopf nach vorne. Wir waren dran, „Die Tickets bitte… die Ausweise auch.“

„Wir würden gerne so weit wie möglich hinten sitzen.“, bat ich den Mann in einem betont süßen Tonfall. Ich war sicher, er wusste genau, dass wir die naive Hoffnung hatten, dort bei einem Unglück am ehesten zu überleben. Er blickte auf seinen Bildschirm und schaute dann direkt zu Nikki auf, „Ich hätte noch die letzte Reihe anzubieten.“
„Super!“, jubelten Franzi und ich wie aus einem Mund. Als wir uns überglücklich zu Nikki drehten, lehnte sie sich etwas näher an den Tresen heran, „Vielleicht nicht ganz so weit hinten?!“, raunte sie dem Mitvierziger hinter dem PC zu. „Klar, kein Problem. Dann belege ich vier Reihen weiter davor.“, er tippte die Buchung bereits hypnotisiert in sein System. Dann lächelte er uns an und gab Nikki unsere Unterlagen zurück. Sie lächelte erst ihn und dann triumphierend uns an.

„Klar, kein Problem. Das läuft ja schon ganz fantastisch!“, beschwerte sich Franzi auf dem Weg zur Sicherheitskontrolle. „Das war n dunkler Typ. Keine Chance.“, entgegnete ich ihr.
Nikki war platinblond. Und das war nicht nur eine Haarfarbe. Es war eine Lebenseinstellung.
„Stimmt, ihr musstet euch außerdem aufs Hüpfen konzentrieren, um überhaupt was über den Tresen sehen zu können!“, Nikki warf lachend ihr Handgepäck auf das Förderband und baute sich breitbeinig vor dem Metalldetektor auf. Auf der anderen Seite wartete ein großer, bulliger Typ vom Sicherheitspersonal.
„Sie hat sich noch schnell piercen lassen!“, rief ich über ihre Schulter in seine Richtung und duckte mich schnell weg. Nikki zog die linke Augenbraue hoch und startete hüftschwingend in seine Richtung durch die Kontrolle.


„Life´s a catwalk, baby!“, raunte ich Franzi zu und folgte Nikki erhobenen Hauptes. Nichts passierte. Wir postierten uns schon beide freudig vor dem Mann mit der Kelle und lachten uns gegenseitig an. Aber es piepte erst einige Sekunden später.
Der große Bulle drängte sich an mir vorbei und machte sich an Franzi zu schaffen. Die zuckte mit den Schultern und grinste uns breit an. Der Kontrollmann wies Franzi an, ihren Gürtel abzulegen. Das war genug. Nikki stöhnte, verdrehte die Augen und machte auf dem Absatz kehrt. Ich schnappte mir schnell meine Tasche und lief hinter ihr her.

Kurz vor der Schwelle von der Gangway in den Flieger tänzelte Franzi nervös vom linken auf den rechten Fuß und versuchte durch das Seitenfenster einen Blick ins Cockpit zu erhaschen. „Himmel, Proben für den Moonwalk?!“, ich wusste wie viel Angst sie vor dem Fliegen hatte. Im Gegensatz zu Nikki setzte sie auf homöopathische Mittel, um sich von dem ständigen Horrorszenario in ihrem Kopf abzulenken.
„Kannst du den Piloten sehen? Oder den anderen da?“, sie stützte sich auf meiner Schulter ab, um einen besseren Sichtwinkel zu erreichen. „Aua, nein…wieso?“, meine Tasche rutschte mir durch ihr Manöver von der Schulter.
„Ich finde, man muss doch wissen, wer einen fliegt…man soll im Krankenhaus auch vor einer OP nach dem Arzt fragen. Wenn man kurz mit ihm spricht und ihm sagt, wer man ist und wie man heißt und so, dann bauen sie eine Beziehung auf und geben sich besondere Mühe.“, antwortete sie überzeugt.
„Wenn sie erstmal ne Beziehung aufgebaut haben, geben sich die Männer bei mir eher weniger Mühe als vorher.“, stellte Nikki nüchtern fest.
„Oh, toll deine Antidepressiva helfen schon…“, ich schob Nikki vor mir in den Mittelgang. Sie hatte mit Abstand am Meisten mit dem Fliegen zu kämpfen. Aber ihr Arzt hatte sie zweifellos gut versorgt. Oder die Wechselwirkung mit dem Alkohol kam zum Tragen. Zumindest ließ sie sich völlig mechanisch auf den Sitzplatz am Gang fallen, nachdem sie hilfesuchenden, 1,60 Meter großen Senioren um uns herum das Handgepäck in der Ablage über unseren Köpfen verstauen geholfen hatte.
Franzi saß am Fenster, das ihr ihrer Meinung nach im Notfall doch noch irgendwie zur Flucht verhelfen könnte. Auf ihrer Oberlippe war bereits ein hauchdünner Film aus Angstschweiß zu sehen. Sie griff energisch nach meiner Hand. Ich wusste, ich würde alle Tätigkeiten während der nächsten Stunden einhändig verrichten müssen. Nikki saß wie versteinert in ihrem Sitz, beide Hände in die Armlehnen gekrallt. Sie hatte es gerade noch geschafft, ihre Ohrstöpsel in die Ohren zu schieben. Nun sah sie fest entschlossen aus, sich bis zur Landung nicht zu bewegen.
„Scheiße, Musik…Nikki kannst du mich nochmal….“, ich hatte meine Hand bereits aus Franzi´s Umklammerung gelöst und erhob mich mit geducktem Kopf aus dem Sitz. „Nur noch Toilette!“, fauchte mir Nikki entgegen. „Das ist ja jetzt nicht dein Ernst…“. „Boarding completed!“, ertönte schlecht verständlich aus den Lautsprechern. „Setz dich hin, die sagen was!“, Nikki riss mich am Arm in den Sitz zurück. „Ja, da fehlen wohl irgendwie Schrauben.“, witzelte ich in ihre Richtung. Sie starrte mich entsetzt an.
„Hier“, Franzi hielt mir ihren MP3-Player vor die Nase, „bei mir hält der jetzt eh nicht.“ „Stimmt, für eine solche Schweißbildung hätten wir Sportbügel für die Stöpsel mitnehmen müssen. Ich dank dir.“, ich entwirrte gerade die Kabel der Kopfhörer, als eine Stewardess rückwärts an allen Reihen entlang glitt. „Sind sie angeschnallt?“, fragte sie in unsere Reihe. „Was glaubt die wohl?!“, flüsterte Nikki ärgerlich, „An ihrer Stelle würd ich mich auch schnell anschnallen. So 50 kg fliegen leichter durch die Luft als unsereiner.“
Ich musste schmunzeln.

9.2.10 15:49

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