Weiberurlaub

(...)

„Ich müsste langsam mal Pippi. Was macht die da so lange? Und warum hat Nikki eigentlich einen gelben Aufkleber der Bundespolizei an ihrem Koffer hängen?“, fragte Franzi, als sie Nikkis Koffer unter die Betten schob, um einen Durchgang zum Balkon zu schaffen.

Ich stand vor dem einzigen Spiegel des Raumes und tuschte meine Wimpern ausgiebig. Umso älter ich wurde, desto bedeutender wurde Wimperntusche. Ich bildete mir ein, dass die dunkle Betonung von den allmählich auftauchenden Augenfalten ablenken würde.

Ich hatte gerade meinen 25. Geburtstag gefeiert. Oder besser stillgeschwiegen. Vor einer Feier konnte ich mich zum Glück drücken. Mir fiel im Traum nicht ein, was es an dieser Zahl zu feiern gab.

Ich zählte es immernoch regelmäßig an meinen Fingern nach, wenn am Auto vor mir auf dem Nummernschild eine 90er - Zahl aufblitzte. Die konnten doch noch nicht wirklich schon den Führerschein haben?!
Ein ähnliches Gefühl verspürte ich auch auf der Autobahn, wenn dicke Autos mit einem 80er - Kennzeichen in Schallgeschwindigkeit an mir vorbeirasten. Eine Frau am Steuer bedeutete: sie hatte einen zehn Jahre älteren Immobilienmakler geheiratet.
Erfahrungsgemäß trugen diese Frauen eine blitzende silberne Armbanduhr, eine große Sonnenbrille, blonde Haare und besuchten regelmäßig das Sonnenstudio.

Typen in diesen Autos hatten eine kurze, fransige Gelfrisur, groooooße Armbanduhren, natürlich Sonnenbrille und steckten in einer schwarzen Lederjacke. Am Besten waren die Kennzeichen der SUV´s mit den beiden Buchstaben MY vor ihrem Geburtsjahr.

„Bundespolizei?“, fragte ich nach. „Die scheinen den am Flughafen echt geöffnet zu haben.“, lachte Franzi während sie schwarze Strapse mit Spitze vom Boden angelte, „Sind das deine?“

Ich warf ihr im Spiegel einen abschätzenden Blick zu, „DAS da sind Nikki´s Prophylaxestrümpfe. Die Dinger gibt’s scheinbar auch in sexy.“

„Da bin ich also die einzig unvorbereitete für den Flug gewesen.“, entgegnete Franzi ungläubig.

„Was als deine erste unvorbereitete Situation überhaupt in deinem Leben in die Geschichte eingehen wird.“, bemerkte ich. Franzi war eine der Frauen, die auf die Frage „Wo ist denn deine Handcreme?“ antwortete: "In der braunen Tasche vorne links neben dem Lippenbalsam."
Ich gehörte zu denen, die antworteten: "Vielleicht im Auto?!"

„Oh, oh!“, hörten wir aus dem Badezimmer krächzen.

Zeitgleich wurde hysterisch an dem Türknauf gerüttelt, „Die Tür klemmt! Hallo! Die Tür geht nicht mehr auf!“

Wir stürzten zur Badtür und starrten erwartungsvoll auf den messingfarbenen Türgriff, der sich wie wild nach links und rechts drehte.

„Hilfe!“, kreischte Nikki, „Hier gibt’s nichtmal n Fenster!!“

„Bleib doch mal ruhig!“, wies ich sie an. Franzi versuchte ihr Lachen mit der Hand vor dem Mund zu unterdrücken. Wir starrten immernoch auf die Tür, die sich nun auch in ihren Angeln leicht vor- und zurückbewegte.

„Wenn du weiter an der Tür reißt, hast du gleich den Griff in der Hand!“, versuchte ich sie zu beruhigen.

Auch mir fiel es schwer, mein Lachen zu verbergen, „Und du kneif mal die Beine zusammen. Mit Pippi war´s das für heute!“, flüsterte ich grinsend in Franzi´s Richtung.

„Jule!“, hörte ich Nikki mit erstickter Stimme wimmern, „Du ahnst nicht, was für eine Luft hier drin herrscht! Ich glaub ich werd ohnmächtig!“

Die Sauerstoffverhältnisse in dem kleinen Raum konnte ich mir sehr gut vorstellen, weil ich bereits vor ihr geduscht hatte und der Spiegel schon dickschichtig beschlagen war, als ich das Bad verlassen hatte.

„Ich werde ersticken!“, Nikki schien ihre letzten Reserven zu mobilisieren und hantierte erneut an dem Türknopf herum, "So will ich nicht sterben!!"

„Quatsch! Hier stirbt jetzt gar keiner! Da ist doch n ganz kleiner Knopf in der Mitte von dem Türknauf. Drück da mal drauf, das entriegelt sich dann!“, beschrieb ich mit wilden Handbewegungen.

„Da entriegelt sich nichts!“, fauchte sie mir von der anderen Seite entgegen.

„Ich hol mal so einen Pablo hier ran!“, Franzi riss die Zimmertür auf und irrte Richtung Fahrstuhl.

Ich kam mir vor wie eine drittklassige Schauspielerin in einem Film mit einem sinkenden Schiff vor der Tür der Arrestzelle, als ich meine Stirn an die Tür drückte und mitleidig sagte, „Hör mal Süße, setz dich kurz hin, wir holen Hilfe.“

Nach wenigen Minuten klopfte es an der Tür. „Jaaahhh!“, jubelte Nikki. Ich hörte, wie sie sich vom Fußboden an der Tür emporangelte. Als ich die Tür öffnete, stand Franzi mit dem Nackten und dem Grünen von der Poolterasse da, „Die sagen, die können das.“

Ich machte überrumpelt Platz und ließ sich die beiden vor der Tür postieren.
Das Können der beiden begrenzte sich allerdings auf die gewaltsame Öffnung der Tür.
Ein gleichzeitiger Sprung mit der Schulter voran und das Türschloss gab bereitwillig nach. Nikki war notdürftig in ein winziges weißes Hotelhandtuch geschlungen und traute ihren Augen nicht, als die zwei Retter plötzlich im Bad standen.
"Hehe, das war ja leicht.", grunzte der Grüne und stieß den Nackten an.
Der starrte bloß Nikki an.

Als es Franzi gelungen war, die Beiden dankend wieder aus dem Zimmer zu schieben, ging ich schon mal in Deckung. Franzi ließ hinter den Besuchern die Tür ins Schloss fallen und lehnte sich erschöpft gegen die Holztür.

Nikki schoss in ihrem Minidress auf mich zu und schimpfte los, „Das war ja jetzt nicht wahr! Guckst du mal, wie ich aussehe?! Da lässt die zwei Fremde das machen!! Ich kam aus der Dusche!“, sie atmetete bewusst tief durch und begann ihre Zigaretten zu suchen.

„Die standen da plötzlich! Besser als ersticken!“, verteidigte ich mich theatralisch, "Und fürs Protokoll: rangeschafft hat sie Franzi übrigens!"

Ich folgte Nikki auf den Balkon.

„Ich geh mit offener Tür duschen!“, hörten wir Franzi amüsiert rufen.

„Ja, und ich schnapp mir den kleinen Koffer-Juan und schick ihn dir mit rein!", rief ihr Nikki hinterher, „Und du stehst da perfekt gestylt vor denen! Ich fass es nicht.“, wandte sie sich wieder an mich.

"Baby, ich bitte dich, perfekt gestylt waren doch wenn überhaupt nur die Beiden!", grinste ich sie ironisch an.

Wir mussten lachen.

(...)

1 Kommentar 18.2.10 20:53, kommentieren

Weiberurlaub

(...)

An der Poolbar stürmten die Jugendlichen das Mittagsbuffet, das alle gängigen Fast-Food-Varianten zu bieten hatte.

Die ältere Generation stand in der Schlange vorm Restauranteingang. Also, so unser Alter und noch älter. Noch war gar nicht geöffnet, aber die Leute stellten sich dennoch in Scharen an. Bei den meisten Gästen lag das Frühstück vermutlich nicht länger als drei Stunden zurück.

Franzi saß mit mir an einem Tisch in der Nähe des Treppenaufganges zum Terrassenbereich. Von dort aus konnte man über die große Poollandschaft des Hotels blicken.

Sie saß mit überkreuzten Beinen da, ich hatte meine Füße angewinkelt und an ihrem Stuhl abgestützt. Ich ließ meinen Kopf über die Stuhllehne nach hinten fallen und schloss die Augen.

Das Sonnenlicht war das Lebenselixier, das ich brauchte. Endlich nur Nichtstun. Den ganzen Tag. Ich konnte es noch gar nicht glauben, dass wir es wirklich geschafft hatten gleichzeitig Urlaub zu bekommen.

Franzi hatte eine blaue 3/4lange Strandhose und ein weißes kurzärmeliges T-Shirt an. Sie hatte kurze dunkle Haare und ein niedliches Gesicht. Wir kannten uns schon ewig. Seit unserer gemeinsamen Ausbildung, um genau zu sein.

Nikki lud gerade zwei Gläser Cola und einen Milchkaffee auf unserem Tisch ab. Ein Glas Cola schob sie zu Franzi rüber. Ich ging leer aus und sah sie fragend an.

„Ja, seh ich aus wie ne Kellnerin?!“, neckte sie mich, „Ich kann das nicht alles auf einmal schleppen.“

Nikki hatte ein knallbuntes Stück Flatterstoff über ihrem Bikinioberteil, dazu trug sie weiße Hotpants.
Ich hatte mich schon gewundert, dass nicht längst ein Kellner angelaufen kam.

„Ich lauf los. Will noch wer etwas?!“, ich sah über meine Sonnenbrille in Franzi´s Richtung. „Ein Wasser.“
Ich stapfte entschlossen zu den Getränkespendern. Als ich mich fast durch die gut besuchte Tischlandschaft auf den terrakotterfarbenen Fliesen der Terrasse durchgekämpft hatte, stand ich vor mehreren zusammengeschobenen Plastikstühlen und kam nicht weiter.

Auf jedem dieser Stühle saß ein Kind mit einem Teller in der Hand und ein blonder Typ mit Cap redete wild in verschiedenen Sprachen auf sie ein.

Vor der Kinderreihe standen einige Tische. Darauf gab es Getränke und noch mehr Teller. Burger und Hot Dogs standen auf der Tageskarte. Salat sah ich überhaupt nicht.

Als ich die Kinder von hinten betrachtete, musste ich lächeln, weil ich daran dachte, welche Statistik eine Freundin von mir ihnen immer aufzeigte, wenn sie dickbäuchige Fünfjährige in zu engen Shirts Eis oder Fettes essen sah: „Du, jedes fünfte Kind hat Übergewicht! Weißte Bescheid!“
Ein oder zwei Mal standen auch die Eltern in Hörweite. Die reagierten eher unentspannt und wir mussten zusehen, dass wir wegkamen.

Ich bahnte mir einen Weg links an den Stühlen vorbei. Kinder zählten eher nicht zu meinen Interessen. Egal welches Alter. Wenn sie auf mich zukamen und mir ihr Spielzeug oder selbstgemalte Bilder zeigen wollten, wusste ich immer nichts anderes zu sagen, als: Aha, guck mal, zeig das mal der Tante da drüben!


Der Blonde schien meine Gedanken lesen zu können. „Hey, hier ist noch Platz, möchtest du auch mit uns essen?“, er zwinkerte mir zu. Er schien kein Deutscher zu sein. Scheinbar ein Animateur des Hotels. „Oh, schade, das muss ich wohl ablehnen!“, ich zuckte mit den Achseln und bemühte mich übertrieben enttäuscht zu gucken. Er lachte.

Ich bahnte mir weiter meinen Weg an die Bar. Ein Kellner nahm sofort meine Bestellung auf. Ich schien erfolgreich nicht so zu gucken, als wollte ich die Plastikbecher selbst befüllen. All inclusive hin oder her. Er stellte mir nach und nach zwei Wasser, einen Erdbeerslush und einen Milchkaffee vor die Nase.
Dann begriff er, dass mein umherschweifender Blick einem möglichen Transportmittel galt. Er holte grinsend ein Tablett unter der Theke hervor und stellte die Sachen darauf.
Ich bedankte mich mit einem überschwänglichen Lächeln.


„All you can Schleppen, Mädels!“, ich ließ das Tablett auf unseren Tisch gleiten und freute mich über das genervte Gesicht von Nikki.

„Ey, ich stand da in der Schlange….mit einzelnen Bechern!“ „Hase, wir sind hier in Spanien, anstehen kannste zu Hause!“, ich nahm mir den Kaffee und ein Wasser, der Rest ging an Franzi, die sich über den Überraschungsslush sichtlich freute.
„Also, nochmal, was kostet das?!“, Franzi zog an ihrem Strohhalm. „Das muss ich noch in Erfahrung bringen. Aber das wär mir ja fast egal.“, Nikki zog mit gestreckten Fingern an ihrer Zigarette.

Sie hatte feuerrot lackierte Nägel, die dank Nagelmodellage auch noch ziemlich lang waren. Ebenso waren ihre Fußnägel knallrot und auffallend passend gestaltet. „Was kostet was?“, ich ließ mich wieder tief in meinen Stuhl sinken und genoss die Sonne auf meinem Gesicht.

„Permanente Haarentfernung der Intimzone.“, Nikki aschte in einen leeren Plastikbecher. Eine Dame mittleren Alters vom Nachbartisch sah peinlich berührt zu uns herüber.

Franzi sah zu Nikki. „Ja, sorry, das wird uns hier wohl noch öfter passieren, wenn die uns hier so auf der Pelle sitzen!“, Nikki zog die Augenbrauen hoch und zeigte flüchtig auf die Frau, „Es ist ja nun wirklich nichts aufwendiger als..“, sie blickte erneut prüfend zum Nachbartisch, „..DAS da!“
„Die Pflege der Mumu.“, schlug ich als Umschreibung vor. „Mumu?!“, Franzi legte die Stirn in Falten. „Ja, nimm´s hin. Ich kann dich verstehen. Es gibt wirklich nichts Aufwendigeres! Und gefährlich dazu. Nur einmal falsch angesetzt!“, ich schauderte bei dem Gedanken.

Auf Grund ihres Gesichtsausdruckes schienen die Beiden das nachvollziehen zu können. „Also, Beine sind ja schnell gemacht. 5 Minuten. Achseln. Zack, zack. Durch. Aber es gibt ja nun auch Abende, da muss alles stimmen, bis zum Schlüppa.“, Nikki drückte ihre Zigarette energisch aus.

„An solche Abende kann ich mich kaum noch erinnern…“, seufzte ich. „Na, komm, vier Wochen, ne?!“, Nikki schlug mir leicht gegen den Oberarm. Ich zuckte zusammen, „Ups, tatsächlich, das hatte ich schon ganz vergessen!“, ich verzog die Mundwinkel. „Na, egal. Die Frage ist nun: Machen oder lassen?“, Nikki schaute in die Runde.

„Lassen.“, antwortete Franzi energisch. „Wieso?“ „Weil du keine Ahnung hast, wie es in fünf Jahren getragen wird! Rasur, Brazilian Waxing, Landing Strip oder Komplett, wenns erstmal weg ist, ist es für immer weg. Und soll das nicht auch ziemlich schmerzhaft sein?! Mal vom Kostenfaktor ganz abgesehen.“, Franzi stocherte mit ihrem Strohhalm in dem restlichen Erdbeermatsch in ihrer Hand herum.

„Also, ich würd´s machen.“, ich sah mich ein wenig um und entdeckte Nikkis grünes Shirt an der Bar. In Begleitung eines gelben Shirts und eines Typen, der glaubte, er könne sich oben ohne erlauben.

„ Hm, Franzi scheint auch so gar keine Probleme mit Hautempfindlichkeit zu haben, was?! Also, wenn ich das richtig gründlich angehe, dann ist das für den ersten Abend top und morgen vielleicht auch noch, aber danach kannst du das ja niemandem mehr anbieten!“, Nikki griff sich drei der Zuckertütchen vom Tisch, klemmte sie alle zwischen den linken Daumen und Zeigefinger und riss sie gleichzeitig auf.

Dann ließ sie den nicht enden wollenden Schwall des weißen Puders in ihre winzig kleine Kaffeetasse rieseln. Wir sahen ihr angewidert dabei zu, wie sie mit dem Löffel rührend versuchte, den Zucker vollständig aufzulösen.

„Achte Klasse Chemie, Emulsion. Gesättigte Lösung!“, entfuhr es mir. „Kann ich das mal probieren?“, Franzi nahm die Tasse ungläubig in ihre Hand und nahm vorsichtig einen kleinen Schluck, „Unfassbar.“ „Ja, ja, und der Löffel bleibt stehen! Ich kenn sie alle.“, bemühte sich Nikki uns den Wind aus den Segeln zu nehmen.

(...)

1 Kommentar 13.2.10 19:43, kommentieren

Geschmacksfrage

Endlich ist also das Rätsel gelöst!

Alle haben schon einmal darüber nachgedacht, keiner hat die Antwort gewusst.

Warum zum Teufel bestellen im Flugzeug alle Tomatensaft?

Kein Mensch trinkt das im normalen Leben.

Vielleicht mal ne Bloody Mary in echt alten Filmen...aber sonst...

Im Fraunhofer-Institut verdient man also Geld damit herauszufinden, dass Menschen den Tomatensaft über den Wolken als fruchtiger empfinden.

Auf dem Boden der Tatsachen wird er als muffig beschrieben.

Ich behaupte, dass ich mehr Leute Tomatensaft auf dem Hin- als auf dem Rückflug bestellen sehe.

Und das liegt auch nicht am Unterdruck.

Sondern an der Akklimatisierung.

Im Urlaub ist alles erlaubt. Im Urlaub ist irgendwie alles anders. Was auf Malle passiert, bleibt auf Malle...

Warum startet niemand eine Studie, die ergründet, warum dickbäuchige Männer im ausländischen Sommerurlaub weiße Tennissocken in braunen Sandalen zum bunten Hawai-Hemd wählen, sich eine schlecht sitzende Kappe aufziehen und sich dazu noch ne riesige Kamera um den Hals hängen?

Und noch viel interessanter: Warum ist es Frauen im ausländischen Sommerurlaub egal, wie ihr Gatte rumläuft?

2 Kommentare 13.2.10 19:05, kommentieren

Weiberurlaub

(...)
„Scheinbar macht man während der Ausbildung zur Stewardess auch immer ne duale Ausbildung zur Kosmetikerin.“, Franzi und Nikki versuchten sich gegenseitig etwas aufzubauen.

„Servieren und schminken, das können die.“, schnaufte Nikki. „Mädels, seid nett, sonst geben die euch keine Schwimmweste wenn die Sirene ertönt.“, Franzi nahm wieder meine Hand in ihren Klammergriff und das Flugzeug setzte sich in Bewegung.



„Du hast irgendwie immer noch ganz glasige Augen.“, ich nahm einen Schluck meines ersten spanischen Kaffees und sah Nikki dabei an. Ihre Medikamente schienen noch zu wirken.

„Zeitweise hab ich wirklich darauf gewartet, dass du dich in die Sicherheitsposition schmeißt.“, ich musste bei dem Gedanken daran kichern, verschluckte mich am Kaffee und musste einige Male husten.

Sie hatte sich während des Fluges nur geregt, als das Essen ausgeteilt wurde. Wobei sie darauf verzichtete, den Klapptisch am Sitz vor ihr zu nutzen. Das Tablett hätte sie im Ernstfall schnell wegwerfen können, meinte sie. Aber hätte der Tisch gehakt, wär´ sie nicht an die Sauerstoffmaske gekommen.

„Wie du essen konntest, ist mir noch ein Rätsel.“, bemerkte Franzi und befreite dabei eine Kiwi von ihrer Schale.
„Glaub mir, um das Essen zu verpassen, hätten wir schon wirklich abstürzen müssen.“, Nikki stocherte in ihrem Rührei herum. Die Hälfte des Tisches hatte sie mit ihren Tellern in Beschlag genommen.

Nikki litt an einer Schilddrüsenfehlfunktion. Anders wäre dieses Essverhalten auch menschlich gar nicht zu erklären.
Während Franzi ihre Obststücke sorgfältig würfelte, um sie dann in eine kleine Schale mit Joghurt zu mischen, schaufelte Nikki abwechselnd kleine Heißwürstchen, gebratenen Speck und Crepes mit Schokosauce in sich hinein. Ich begnügte mich vorerst mit Toast und Kaffee.

Wir saßen auf der Veranda vor dem gut gefüllten Frühstücksraum des Hotels. Unser Gepäck hatten wir an der Rezeption bereits abgestellt, aber unser Zimmer war noch nicht bezugsfertig.

Ich kannte das Hotel bereits in- und auswendig. Als Kind war ich oft mit meinen Eltern hier und später mit einer Freundin aus Hamburg, die ich auch hier kennengelernt hatte. Auf der Schaukel hinter dem Miniclub hatte ich meinen ersten Kuss bekommen.
Den Namen des Pioniers wusste ich nicht mehr. Aber der Junge hatte sich sofort danach vor meinen Augen und Ohren übergeben, weil er voll war wie ne Kinderwindel. Das wusste ich noch. Das würde ich wohl auch in fünfzig Jahren noch wissen.

„Den da in dem Grünen find ich gut. Den hab ich eben am Buffet schon getroffen.“, informierte uns Nikki und kaute auf einem Stück Buttercroissant herum.

„Bei sechs Gängen zum Buffet wirst du hier wohl schon allen begegnet sein.“, ich blickte von meinem Teller zu ihr auf.
„Wie alt soll der sein?“, fragte Franzi abschätzend und nahm einen Schluck ihres Saftes.
„Der sollte möglichst Ü22 sein.“, äußerte Nikki ihre Wünsche.
„Nie und nimmer.“, machte ich ihre Hoffnungen zunichte.

„Nur weil dir dein Schätztalent letzte Woche hochoffiziell aberkannt werden musste, heißt das ja nicht, dass jetzt alle nichts mehr sehen.“, Franzi schnitt eine Grimasse in meine Richtung.

Ich warf meine Serviette nach ihr. „Was hat sie wieder veranstaltet?!“, Nikki nahm eine Zigarette aus ihrer Big Box.
„Sie hat ihren Fitnesstrainer angemacht…“, Franzi zeigte mit ihrer Gabel auf mich.
Ich band meine langen Haare zu einem Pferdeschwanz zusammen, „Ange….ich hab den nicht angemacht! Ich wollte mich unterhalten. Ich hatte eine Einweisung, der wurde quasi dafür bezahlt, dass er mit mir spricht!“

Franzi fuchtelte mit den Armen, „Hör zu! Sie saß ihm gegenüber und er gab ihr Trainingsprofil in den PC. Und nach ein paar stillen Minuten kam sie wohl auf die glorreiche Idee eine Konversation zu beginnen.“
„Dass du auch nicht einmal die Klappe halten kannst!“, Nikki pustete den Rauch ihrer Zigarette aus.
„Und dann sagt sie Folgendes: "Und was machst du beruflich sonst so?!" Und er so: "Ich mache ne Ausbildung zum Physiotherapeuten."", erzählte Franzi weiter.

„Oh, bitte nicht daran erinnern!!“, ich vergrub mein gequältes Gesicht in meine Hände, „Der sah wirklich viel älter aus…auch von ganz Nahem!“, grummelte ich zwischen meinen Händen hervor.

„Für einen kurzen Moment war Jule etwas irritiert. Sie hatte ihn nämlich auf 30 Jahre geschätzt. Wir hätten gemerkt,“ Franzi deutete mit einer Handbewegung auf Nikki und sich selbst, „dass wir gerade Wassermelonen tragen, aber nein, Julchen zieht das wieder voll durch: „Aha…und was hast du vorher gemacht?“ Er guckt sie kurz an, als wär´ sie n bisschen minderbemittelt und antwortet dann: Abi und Zivi.“

„Das Gespräch hat leider am Anfang der Trainingsstunde stattgefunden.“, fügte ich hinzu, während ich an dem Bündchen meiner Reisesocken fummelte, „danach sollte ich zum Aufwärmen aufs Laufband...Ich hab keinen Ton mehr gesagt, das kannste glauben. Mach ich mich da zum Vollhorst vor so nem I-Männchen!“

„Einem 22 jährigen Model-I-Männchen!“, ergänzte Franzi. „Jule!“, stieß Nikki vorwurfsvoll aus. „Jaaaa“, ich hob abwehrend beide Hände, „ ich wollte mich echt einfach unterhalten! Und dann kommt da wieder sowas Peinliches bei raus. Der hat mich komplett auflaufen lassen. Was sehen diese jungen Hüpfer auch zehn Jahre älter aus, bitte??!! Zu meiner Zeit sah man noch 20 aus, wenn man 20 war!“

„Wahrscheinlich so einer mit 348 Freunden bei Facebook! Davon lässt man eh die Finger!“, Nikki nahm einige kürzere Züge an ihrer Zigarette, um möglichst weit zum Filter vorzudringen und drückte sie dann im Aschenbecher aus.

„Das weiß ich alles! Los, lasst uns mal nach unserem Zimmer fragen, Mädels.“, ich rückte den Stuhl nach hinten und ging in die Hocke, um den Sitz meines linken Strumpfes zu korrigieren, der sich hartnäckig dagegen sträubte.

„Was machst du da eigentlich immer zum Teufel?!“, fragte Franzi und beugte sich zu mir herunter.
„Ich hab Anti-Thrombose-Reisestrümpfe an und die nerven mittlerweile echt ziemlich!“, erklärte ich ihr im Flüsterton. Sie sah mich sprachlos an. „Die im Sanitätshaus meinte auch, ich würde zu Venenproblemen neigen.“, verteidigte ich mich, „Außerdem liegt das bei uns in der Familie!“ Franzi schüttelte den Kopf.

„Ich hab euch vorgewarnt!“, sagte ich auf der Treppe im vierten Gästehaus, „die Zimmer sind nicht wahnsinnig groß. Zu dritt wird’s echt eng.“

Bei meinen bisherigen Besuchen, hatte ich die Zimmer nur zu zweit belegt. Das war mit dem Schrankinhalt zweier Frauen schon schwierig.

„Ja, wir schaffen das schon. Spart Geld!“, antwortet Franzi rational. „Zugunsten von Wodka!“, schnaufte Nikki hinter uns. Sie hatte das Fitnessstudio seit unserer Anmeldung vor einem halben Jahr lediglich vier Mal von innen gesehen, soweit ich mich erinnerte.

Als wir an unserem Zimmer im dritten Stock angekommen waren, schloss ich die Tür auf und ließ die Beiden vorgehen. Sie drehten sich noch ungläubig im Kreis, als ein Angestellter des Hotels einen Kofferwagen mit unserem Hab und Gut aus dem Fahrstuhl schob.

„Hola!“, flötete er mir entgegen. Er lud die Koffer vor der Tür ab und schob sie dann in unser Zimmer. Nikki, Franzi, das Gepäck, unsere Handtaschen und Juan – laut Namensschild -, ich stand im Türrahmen und betrachtete das übervolle kleine Zimmer.

Juan quetschte sich an mir vorbei und lachte uns auf dem Flur stehend an, „Buena suerte, guapas!“ „Un momento, por favor!“, ich drückte ihm Trinkgeld in die Hand und verabschiedete mich.

„Was will er?“, Nikki stieg über unsere Koffer, weil kein Platz war sie zu umgehen. „Er wünscht uns Glück.“, gab ich seine Aussage wieder.
Rapide lückenhaft werdende Restteile meines Spanischs aus der Schulzeit ließen mich die Grundsätze gerade so verstehen.

Franzi rüttelte am Türgriff des Balkons, „Unser Zimmer ist eigentlich nur Bett!“
„Ich muss das Bad mal sehen.“, Nikki drängte sich an mir vorbei, „Hm…das ist genauso groß, wie unser Bett. Also, unser Zimmer. Der Architekt war n Mädchen.“

Neben das Doppelbett, das sonst in diesen Zimmern stand, hatte man nun noch in strategischer Meisterleistung ein Gästebett postiert. Damit gab es allerdings keinen Abstand mehr zum Kleiderschrank. Durch die Schiebetüren kamen wir zwar an die Kleiderstange, aber die eingebauten Schubladen blieben uns verwehrt.

„Ähh..kann hier mal einer?!“, Franzi zerrte immer noch an der Balkontür. „Du musst das hier in der Mitte nur entriegeln.“, ich zeigte ihr die Vorkriegstechnik.
„Wo rauche ich bloß hier?!“, fragte Nikki, während sie schon auf der Suche nach einem Feuerzug war. Franzi legte ihren Kopf schief, „Beim Nachbarn am Besten!“
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1 Kommentar 10.2.10 18:20, kommentieren

Männliche Beifahrer

Du sitzt im Auto. Auf dem Beifahrersitz. Natürlich. Er am Steuer. Wo auch sonst.

Er: „Dreh mal die Musik leiser, ich seh nichts.“

Du überlegst kurz etwas zu dem Sinn dieses Satzes zu sagen....lässt es dann aber und drehst tonlos das Radio aus.

Nein, du holst nicht zum 100sten Witz über männliches Multi-Tasking-Verhalten aus.

Dafür hat er letzte Woche nichts dazu gesagt, als du dich beim Einparken in 30 Zügen mit den Worten: „Wenn du nicht dabei bist, kann ich das!“ gerechtfertigt hast.

9.2.10 19:35, kommentieren

Weisheit des Tages

"Der natürliche Feind einer Frau ist eine Frau."

Vielleicht ist deshalb das Wort "Busenfreundin" als Pendant zu "Blutsbrüder" auch nicht halb so aussagekräftig?!

Hm.

Allerdings würde das das Weltbild der Sex-and-the-City-Frauengesellschaft zerstören.


Wir haben Karten für "Carmen". Mal sehen, wie Michaela die Sache gesehen hat.

9.2.10 17:04, kommentieren

Weiberurlaub

„Gott, der ist ja geil…“. „Wer?“ Ich sah über meine linke Schulter und erfasste nur Nikki. Sie stöckelte wie immer auf zweistelligen Zentimeterabsätzen auf uns zu. Hinter ihr, mit einigen Metern Abstand, versuchte ein dunkelhaariger Typ mitsamt ihrem Gepäck Schritt zu halten. Er ging ihr bis zum Kinn. Wie fast alle.
Sie war einfach zu groß. Aber sie trug es mit provozierender Gelassenheit….und mit High Heels, fast ausschließlich mit High Heels.


„Heeeyy!“ Sie grinste uns breit an. Wir waren alle bester Laune. Kein Wunder. Wir fielen uns im Terminal C in die Arme. Dort standen Franzi und ich schon eine Weile startklar für die Schlange vor unserem Abflugschalter.

„Das ist Marek.“, Nikki wies mit der Hand auf ihren Trägerjungen. Der Typ stellte ihren Koffer ab und reichte uns die Hand.
„Hallo.“, schmachtete Franzi ihm entgegen. Ich hatte bereits eine etwas gerötete Gesichtsfarbe und musste den Reißverschluss meiner Jacke etwas öffnen. Der Sekt hatte mir, wie gewöhnlich, schon nach dem ersten halben Glas zugesetzt. Franzi hatte Plastikgläser und eine Flasche des Prickelwassers in einer Tüte dabei, um gebührend auf diese Nacht anzustoßen.
„Hier“, sie reichte Nikki gleich die ganze Flasche, „da muss noch viel raus. Die da kriegt nichts mehr, sonst sortieren sie die gleich beim Einsteigen wieder aus.“
„Ahh ha ha ha!“, wieherte ich sarkastisch, „Wenn ihr gleich eure Pillen genommen habt, bin ich hier noch die Klarste und kann als Einzige den Vogel runterbringen!“
„Na, dann wünsch ich euch Mädels mal viel Spaß!“, lachte der dunkelhaarige Unbekannte. Nikki verabschiedete sich mit einer Umarmung von ihrem Begleiter bevor er Richtung Ausgang verschwand. „Ohhh…“, jammerte Franzi und schaute Marek mit einem Schmollmund hinterher. „Ja, kommt ja noch Einiges, Schätzchen. Hast teuer dafür bezahlt!“, Nikki legte ihren Arm um Franzi´s Schulter und beide setzten sich hinter mir in Bewegung zur Gepäckaufgabe.


Die beiden leerten allmählich die Sektflasche und wir rückten in der Warteschlange Zentimeter für Zentimeter weiter vor.
„Wer war das denn?!“, wollte Franzi ihre Neugier stillen. „Mein Ex.“, Nikki nahm zwei kleine weiße Tabletten aus einer Verpackung und spülte sie mit einem Schluck Sekt herunter.

„Würdet ihr jetzt bitte mal die Flasche loswerden, oder stellst du sie gleich vorne am Tresen vorm Bodenpersonal ab?!“, ich verdrehte die Augen und musste bei dem Gedanken schmunzeln.
Letzte Woche hatte Nikki beim Verlassen eines Clubs ihren gesamten Tascheninhalt vor dem Mitarbeiter der Garderobe ausgebreitet. Sie war mit ihrem Absatz an der Teppichkante hängengeblieben und stürzte halb über die Theke. Unnötig zu erwähnen, dass wir zudem noch ziemlich voll waren. Als der zweifelnd guckenden Garderobenfachkaft Make Up, Handy, Schlüssel, Bürste, Parfum und ein Paar schwarze Ballerinas entgegenflogen, verfielen wir in schallendes Gelächter und rafften schnell alles zusammen, was wir zu fassen bekamen. Wir wollten schon wieder verschwinden, als er mit einem ihrer Schuhe in der Hand sagte: „Der gehört da noch rein, dafür müsstest du das Telefon wieder hergeben. Das gehört uns.“
Sie schaute hilfesuchend zu mir, ich konnte mich vor Lachen jedoch kaum noch halten. Dann hiefte sie ihre Tasche wieder auf die Theke und begann hektisch zu kramen. „Hallo! Taxi da!“, rief Franzi uns von der Eingangstür entgegen. Sie hatte bereits gezahlt und einen Wagen bestellt.


„Mann, macht die wieder ne Hektik hier!“, stöhnte Nikki und stellte die Flasche neben einen Mülleimer einige Meter entfernt. Als sie sich wieder bei uns einreihte, stellte Franzi ungläubig fest: „Ts, uns bringen nicht mal aktuelle Freunde zum Flughafen. Jule ist von ihrem Vater gebracht worden.“ „Der eigene Bruder bringt dir auch nicht gerade mehr Punkte!“, zischte ich. Sie zwinkerte mir zu.
„Wenn euch aktuelle Freunde zum Flughafen gebracht hätten, würde ich jetzt auch nicht mit euch zwei Wochen nach Spanien fliegen. Soviel steht fest.“, Nikki stupste mich an und wies mit ihrem Kopf nach vorne. Wir waren dran, „Die Tickets bitte… die Ausweise auch.“

„Wir würden gerne so weit wie möglich hinten sitzen.“, bat ich den Mann in einem betont süßen Tonfall. Ich war sicher, er wusste genau, dass wir die naive Hoffnung hatten, dort bei einem Unglück am ehesten zu überleben. Er blickte auf seinen Bildschirm und schaute dann direkt zu Nikki auf, „Ich hätte noch die letzte Reihe anzubieten.“
„Super!“, jubelten Franzi und ich wie aus einem Mund. Als wir uns überglücklich zu Nikki drehten, lehnte sie sich etwas näher an den Tresen heran, „Vielleicht nicht ganz so weit hinten?!“, raunte sie dem Mitvierziger hinter dem PC zu. „Klar, kein Problem. Dann belege ich vier Reihen weiter davor.“, er tippte die Buchung bereits hypnotisiert in sein System. Dann lächelte er uns an und gab Nikki unsere Unterlagen zurück. Sie lächelte erst ihn und dann triumphierend uns an.

„Klar, kein Problem. Das läuft ja schon ganz fantastisch!“, beschwerte sich Franzi auf dem Weg zur Sicherheitskontrolle. „Das war n dunkler Typ. Keine Chance.“, entgegnete ich ihr.
Nikki war platinblond. Und das war nicht nur eine Haarfarbe. Es war eine Lebenseinstellung.
„Stimmt, ihr musstet euch außerdem aufs Hüpfen konzentrieren, um überhaupt was über den Tresen sehen zu können!“, Nikki warf lachend ihr Handgepäck auf das Förderband und baute sich breitbeinig vor dem Metalldetektor auf. Auf der anderen Seite wartete ein großer, bulliger Typ vom Sicherheitspersonal.
„Sie hat sich noch schnell piercen lassen!“, rief ich über ihre Schulter in seine Richtung und duckte mich schnell weg. Nikki zog die linke Augenbraue hoch und startete hüftschwingend in seine Richtung durch die Kontrolle.


„Life´s a catwalk, baby!“, raunte ich Franzi zu und folgte Nikki erhobenen Hauptes. Nichts passierte. Wir postierten uns schon beide freudig vor dem Mann mit der Kelle und lachten uns gegenseitig an. Aber es piepte erst einige Sekunden später.
Der große Bulle drängte sich an mir vorbei und machte sich an Franzi zu schaffen. Die zuckte mit den Schultern und grinste uns breit an. Der Kontrollmann wies Franzi an, ihren Gürtel abzulegen. Das war genug. Nikki stöhnte, verdrehte die Augen und machte auf dem Absatz kehrt. Ich schnappte mir schnell meine Tasche und lief hinter ihr her.

Kurz vor der Schwelle von der Gangway in den Flieger tänzelte Franzi nervös vom linken auf den rechten Fuß und versuchte durch das Seitenfenster einen Blick ins Cockpit zu erhaschen. „Himmel, Proben für den Moonwalk?!“, ich wusste wie viel Angst sie vor dem Fliegen hatte. Im Gegensatz zu Nikki setzte sie auf homöopathische Mittel, um sich von dem ständigen Horrorszenario in ihrem Kopf abzulenken.
„Kannst du den Piloten sehen? Oder den anderen da?“, sie stützte sich auf meiner Schulter ab, um einen besseren Sichtwinkel zu erreichen. „Aua, nein…wieso?“, meine Tasche rutschte mir durch ihr Manöver von der Schulter.
„Ich finde, man muss doch wissen, wer einen fliegt…man soll im Krankenhaus auch vor einer OP nach dem Arzt fragen. Wenn man kurz mit ihm spricht und ihm sagt, wer man ist und wie man heißt und so, dann bauen sie eine Beziehung auf und geben sich besondere Mühe.“, antwortete sie überzeugt.
„Wenn sie erstmal ne Beziehung aufgebaut haben, geben sich die Männer bei mir eher weniger Mühe als vorher.“, stellte Nikki nüchtern fest.
„Oh, toll deine Antidepressiva helfen schon…“, ich schob Nikki vor mir in den Mittelgang. Sie hatte mit Abstand am Meisten mit dem Fliegen zu kämpfen. Aber ihr Arzt hatte sie zweifellos gut versorgt. Oder die Wechselwirkung mit dem Alkohol kam zum Tragen. Zumindest ließ sie sich völlig mechanisch auf den Sitzplatz am Gang fallen, nachdem sie hilfesuchenden, 1,60 Meter großen Senioren um uns herum das Handgepäck in der Ablage über unseren Köpfen verstauen geholfen hatte.
Franzi saß am Fenster, das ihr ihrer Meinung nach im Notfall doch noch irgendwie zur Flucht verhelfen könnte. Auf ihrer Oberlippe war bereits ein hauchdünner Film aus Angstschweiß zu sehen. Sie griff energisch nach meiner Hand. Ich wusste, ich würde alle Tätigkeiten während der nächsten Stunden einhändig verrichten müssen. Nikki saß wie versteinert in ihrem Sitz, beide Hände in die Armlehnen gekrallt. Sie hatte es gerade noch geschafft, ihre Ohrstöpsel in die Ohren zu schieben. Nun sah sie fest entschlossen aus, sich bis zur Landung nicht zu bewegen.
„Scheiße, Musik…Nikki kannst du mich nochmal….“, ich hatte meine Hand bereits aus Franzi´s Umklammerung gelöst und erhob mich mit geducktem Kopf aus dem Sitz. „Nur noch Toilette!“, fauchte mir Nikki entgegen. „Das ist ja jetzt nicht dein Ernst…“. „Boarding completed!“, ertönte schlecht verständlich aus den Lautsprechern. „Setz dich hin, die sagen was!“, Nikki riss mich am Arm in den Sitz zurück. „Ja, da fehlen wohl irgendwie Schrauben.“, witzelte ich in ihre Richtung. Sie starrte mich entsetzt an.
„Hier“, Franzi hielt mir ihren MP3-Player vor die Nase, „bei mir hält der jetzt eh nicht.“ „Stimmt, für eine solche Schweißbildung hätten wir Sportbügel für die Stöpsel mitnehmen müssen. Ich dank dir.“, ich entwirrte gerade die Kabel der Kopfhörer, als eine Stewardess rückwärts an allen Reihen entlang glitt. „Sind sie angeschnallt?“, fragte sie in unsere Reihe. „Was glaubt die wohl?!“, flüsterte Nikki ärgerlich, „An ihrer Stelle würd ich mich auch schnell anschnallen. So 50 kg fliegen leichter durch die Luft als unsereiner.“
Ich musste schmunzeln.

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